Als gebildeter Migrant muss man Heimat für einen "leeren Begriff" halten, denn Gott behüte die deutsche Leserschaft vor Alternativen: die Heimat als da, wo die (Groß-)eltern herkamen. Oder schlimmer noch: als Anspruch auf den Stuhl am deutschen Stammtisch. 1/n
Als gebildeten Migranten hassen Dich die rechten Deutschen für Deine ethnische Volksfremdheit und die linken Deutschen für Deine solidarische Melancholie. 9/n.
Als gebildeter Migrant störst Du, Du bist einer zuviel in der Karriere-Pipeline. Du musst harmloses Opfer sein. Immer ausgeladen, immer in zweiter Reihe, immer diskriminiert, immer armer schwarzer Kater. Denn dann bist Du harmlos. 8/n.
Als gebildeten Migranten werden sie Dich in Gespräche verwickeln, in denen Du Rede und Antwort stehen musst für das politische Armageddon in einem Land, das Du nur aus Kochtöpfen (und Kochbüchern) kennst. 8/n
Als gebildeten Migranten werden sie Dich auf die vielen Demokratiedefizite in "Deinem" Land aufmerksam machen. 7/n
Als gebildeter Migrant muss man davon erzählen, dass Gym und Uni völlig fremde Orte gewesen seien, obwohl die Eltern iranische Zahnärzte, kroatische Informatiker und polnische Statiker waren. Denn Ausländergeschichten müssen Kampfgeschichten sein. 3/n.
Liebe Kulturwissenschaftler*innen und Gewis: revoltiert der Bourdieu-Fan in Euch nicht zumindest ein Bisschen, wenn ein Buch den Deutschen Buchpreis erhält, indem es auf ALLE Knöpfe drückt, die man im literarischen Feld drücken muss, um Preise zu gewinnen?
Als Soziologe kann man nolens volens Teil des juste milieu sein, aber man kann es nicht ruhigen Gewissens verteidigen.
Reinhard Jirgls "Nichts von Euch auf Erden" ist das deprimierendste Buch, das ich jemals gelesen habe. Es verfolgt mich in meinen Träumen, ernsthaft.
In den letzten Jahren habe ich zweierlei versucht. (1) Eine zeitgemäße Neuformulierung des soziologischen Funktionalismus. (2) Eine Wiederbelebung der Rollentheorie. Hier mein neuester Beitrag dazu. DM für Details. Kritik ist hochwillkommen.
journals.sagepub.com/doi/10.…
Ok, man kann jetzt sagen: die Soziologie ist zu links und dadurch einseitig und produziert Tunnelblicke. Man kann auch sagen: darum braucht man mehr "viewpoint diversity" im Fach. Das Problem: keine (mir bekannten) Sowis sehen ihre wissenschaftliche Position als "viewpoint".
"Eine Dame, deren Gedanken nicht recht mit denen der übrigen Welt hätten übereinstimmen wollen". Thomas Mann wie immer höflichst über Spinner.
Warum stehen amerikanische SOWIs so auf Bourdieu? Feine Unterschiede und Distinktion passen doch gar nicht zu deren Konsumgewohnheiten. Erklärung einer Kollegin: extrem breiter Begriff von Kapital. Und davon ausgehend: überall Wettbewerb um dieses Kapital. Sehr US-konform.

